Partizipation und Teilhabe

Herausforderungen der Demokratie gemeinsam meistern

Das Goethegymnasium Weimar und seine norwegische Partnerschule setzen sich seit vielen Jahren für Demokratiebildung ein. Die Akkreditierung im Erasmus-Programm ermöglicht Austausch und Zusammenarbeit dazu.

Am 22. Juli 2011 tötete ein norwegischer Rechtsextremist im Osloer Regierungsviertel acht Menschen mit einer Autobombe. Anschließend erschoss er auf der Insel Utøya 69 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des alljährlichen Sommercamps der sozialdemokratischen Jugend. Der preisgekrönte Spielfilm „Utøya 22. Juli“, der die 72 Minuten des Attentats nachzeichnet, zählt für die Schülerinnen und Schüler des Goethegymnasiums Weimar zu den prägendsten Erfahrungen ihrer Norwegenreise.

Ihre Lehrerin, Juliane Thaler, erinnert sich, wie den Jugendlichen die Gespräche mit ihren Austauschpartnerinnen und -partnern aus Nannestad halfen, ein derart monströses Verbrechen einzuordnen: „Sie setzten sich tiefgründig damit auseinander, wie sich Menschen in rassistische Ideologien und Verschwörungserzählungen versteigen und zu Gewalttätern werden können.“ Juliane Thaler leitete das Erasmus-Projekt „Herausforderungen der Demokratie begegnen durch interkulturelle Verständigung und gemeinsame demokratische Werte“ und gab damit der seit 2015 bestehenden deutsch-norwegischen Schulpartnerschaft neue Impulse. „In Zeiten von Fake News, Intoleranz und Hass möchten wir durch internationale Begegnungen den Horizont der Schülerinnen und Schüler erweitern“, erläutert sie.

Juliane Thaler unterrichtet Deutsch, Sozialwissenschaften und Sozialkunde am Goethegymnasium Weimar.

„Wir versuchen mit Erasmus-Projekten die Demokratiebildung und Partizipation zu stärken. Sie sind für uns ein Baustein beim Bemühen, unsere Schülerinnen und Schüler zu mündigen Bürgern zu erziehen.“

Aus der Geschichte lernen

Im September 2022 reisten 25 Weimarer Gymnasiastinnen und Gymnasiasten nach Nannestad, einer Gemeinde nördlich von Oslo. Die Zehnt- und Elftklässler hatten sich während einer Projektwoche intensiv auf ihren Besuch vorbereitet. Auf dem Programm standen Landeskunde, ein Norwegisch-Crashkurs sowie die Verkostung landestypischer Spezialitäten. Franziska Furcht, die seit Jahren eng mit ihrer Kollegin Juliane Thaler kooperiert, erinnert sich an die Aufbruchsstimmung der Schülerinnen und Schüler: „Sie konnten es kaum erwarten, die Menschen und ihre Kultur kennenzulernen, wollten sich aber auch mit der Geschichte des Landes auseinandersetzen.“

Ihre „norske venner“, die norwegischen Freunde, konnten sie zwar in der Landessprache begrüßen, das einwöchige Programm fand aber auf Englisch statt: Gemeinsamer Unterricht und ein Workshop zum Thema „Fake News und Redefreiheit“, der Besuch des Nobel-Friedenszentrums sowie die Führung durch das Osloer Holocaustmuseum, das unter anderem den Völkermord an norwegischen Jüdinnen und Juden während der deutschen Besatzung von 1940 bis 1945 dokumentiert. Dass auch Norweger an den Deportationen beteiligt waren, war selbst vielen einheimischen Schülerinnen und Schülern neu.

 

Einsatz gegen Populismus und Propaganda

Lehren aus den damaligen Verbrechen zu ziehen, war dem Erasmus-Team ein besonderes Anliegen. „Wir möchten unseren Schülerinnen und Schülern vermitteln, wie wichtig der persönliche Einsatz für die Demokratie ist“, betont Juliane Thaler. Deshalb ermutigen die Lehrkräfte sie, ihre Projekterfahrungen zu teilen - im Geschichts- und Sozialkundeunterricht, mit Freunden und der Familie. Denn wer lernt, über ein Thema kontrovers zu diskutieren und dabei schlüssig zu argumentieren, ist weniger empfänglich für Populismus und Propaganda.

Weil nationalistische Strömungen in ganz Europa zunehmen, möchte das Goethegymnasium seine internationalen Begegnungen ausweiten. „Wir betrachten Demokratiebildung als einen Prozess, der nie abgeschlossen ist“, sagt Juliane Thaler. Und Franziska Furcht ergänzt: „Deshalb freuen wir uns, dass wir uns erfolgreich für Erasmus+ akkreditiert haben und unsere Demokratie-Projekte langfristig planen können.“ Dank dieser Art von Eintrittskarte für das EU-Programm, das bis Ende 2027 läuft, kann die Schule europäische Begegnungen und Fortbildungen nun unbürokratischer beantragen.

Über das Projekt

Projekttyp: Kurzzeitprojekt (KA 122)

Titel: Herausforderungen der Demokratie begegnen durch interkulturelle Verständigung und gemeinsame demokratische Werte

Schwerpunkt des Projekts: Demokratiebildung

Antragsteller: Staatliches Gymnasium „Johann Wolfgang von Goethe“ (Weimar)

Laufzeit: September 2022 bis Februar 2023

Bewilligte Fördersumme: 25.417 Euro

Kooperation in herausfordernden Zeiten

Wie der mutige Einsatz für Demokratie ein Land und die Weltgeschichte verändern kann, erlebten die norwegischen Jugendlichen bei ihrem Gegenbesuch im Frühjahr 2023. Die Weimarer Gastgeber hatten ein anspruchsvolles Programm zur Geschichte der DDR zusammengestellt, darunter einen Besuch der Erfurter Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, die an Unterdrückung und Widerstand während der SED-Diktatur erinnert, sowie gemeinsame Workshops und Diskussionen. Sollten die Skandinavier dadurch mehr als durch den heimischen Geschichtsunterricht gelernt haben, hätten die Erasmus-Partner ein wichtiges Ziel erreicht. „An einzelne Unterrichtsstunden erinnern wir uns weniger als an gemeinsame Begegnungen. Und die brauchen wir in politisch herausfordernden Zeiten“, meint Juliane Thaler.

Denn Norwegen und Deutschland wurden durch rechtsradikale Attentate erschüttert. Die Anschläge von Oslo und Utøya sind bis heute ein nationales Trauma. Doch statt auf die Hassverbrechen mit Hass zu reagieren, plädierte der damalige norwegische Regierungschef Jens Stoltenberg noch am Tattag für mehr Menschlichkeit und Demokratie. Zwei Gymnasien in Nannestad und Weimar haben dazu einen gemeinsamen Beitrag geleistet.

Wer profitiert, abgesehen von denen, die am Austausch teilnehmen, vom Projekt?

Jeder, der bei Erasmus+ mitmacht, wirkt als Multiplikator und weckt dadurch das Interesse von Schülerinnen und Schülern am europäischen Austausch. Es ist also für die gesamte Schulgemeinschaft gewinnbringend.

Der Austausch sollte die interkulturelle Verständigung fördern. Wie hat das geklappt?

Bei den Begegnungen gab es auch Missverständnisse, etwa, weil in Deutschland und Norwegen unterschiedliche Formen von Höflichkeit gelten. Dadurch haben die Jugendlichen gelernt, nicht nur durch ihre eigene kulturelle Brille zu schauen, sondern miteinander ins Gespräch zu kommen, ohne direkt zu urteilen.

Welche Anregungen aus Norwegen würden Sie gerne in Deutschland umsetzen? 

Weil ich mir sehr wünsche, dass sich noch mehr Schulen für den europäischen Austausch interessieren, hat mich beeindruckt, dass die Erasmus-Bürokratie an unserer norwegischen Partnerschule von Sachbearbeitern übernommen wird. Dadurch werden die Lehrkräfte entlastet und können sich anderen wichtigen Aufgaben widmen.

Collage mit Porträtbild
Franziska Furcht erlebte in Norwegen nicht nur, wie prägend die Reise für die Schülerinnen und Schüler war. Auch sie selbst entdeckte an der Partnerschule in Nannestad Nachahmenswertes.