Partizipation und Teilhabe

Gemeinsam gegen das Vergessen

„Vergesst die Opfer nicht“, lautet der Titel eines deutsch-italienischen eTwinning-Projekts. Für ihr innovatives Unterrichtskonzept zum Gedenken an die Opfer der NS-Zeit wurden die beiden Lehrkräfte mit dem Deutschen Lehrkräftepreis ausgezeichnet.

„Hier wohnte Erna Mitter ...“, so beginnt die Inschrift auf einer handtellergroßen Messingtafel vor dem Haus in Hattersheim, in dem die Jüdin Erna Mitter bis zu ihrer Deportation wohnte. Sie wurde von den Nationalsozialisten ermordet, weil sie in deren Augen wegen der Beziehung zu ihrem »arischen« Freund gegen die Rassengesetze verstoßen hatte. Seit 2012 erinnert ein „Stolperstein“ an die Hattersheimerin. In der südhessischen Stadt ist er einer von 20, die zum Gedenken an Opfer des Naziregimes in den Bürgersteig eingelassen wurden. Europaweit hat der Künstler Gunter Demnig mittlerweile 100 000 Gedenksteine verlegt. Sein Credo: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“

Schon vor Jahren hatte die Heinrich-Böll-Schule Hattersheim die Patenschaft für die Pflege der Steine übernommen, um die Erinnerungskultur zu stärken. Die Geschichtslehrerin Anita Hoehle entwickelte daraus ein Konzept, das nun sogar ins Curriculum der Jahrgangsstufe 10 integriert werden soll. Die Pädagogin, die zuvor in Fulda und Washington D. C. unterrichtet hatte, möchte ihre Schülerinnen und Schüler mit dem Stolpersteinprojekt motivieren, selbst dazu beizutragen, dass die Einzelschicksale nicht in Vergessenheit geraten.

Porträt mit farbigen grafischen Elementen.
Anita Hoehle unterrichtet Geschichte an der Heinrich-Böll-Schule Hattersheim.

„Die Schülerinnen und Schüler waren entsetzt, dass solch unfassbare Gewalt geschehen konnte. Im virtuellen Klassenzimmer, dem TwinSpace, kamen sie in den internationalen Teams darüber ins Gespräch.“

Alle für den Austausch

Am 9. November 2021, anlässlich des Gedenkens an die Reichspogromnacht, startete das eTwinning-Projekt „Vergesst die Opfer nicht“. Zehntklässler begannen ihre eindrucksvolle Recherche. In Kooperation mit dem Stadtarchiv lasen sie die Biografien von Erna Mitter, der Familien Grünebaum und Löwenstein und anderen, die nur wenige Kilometer von der Schule entfernt gelebt hatten. „Die Jugendlichen waren erschüttert, dass Menschen aus ihrer unmittelbaren Nachbarschaft deportiert und ermordet worden waren“, erinnert sich Anita Hoehle. „Ihre Betroffenheit hat mich tief berührt.“

Rund 700 Kilometer südlich von Hattersheim, in Gazzada Schianno in der Lombardei, konnte auch Marina La Pietra Jugendliche ihrer technischen Oberschule für das Projekt begeistern. Die Lehrerin für Deutsch und Englisch und erfahrene eTwinnerin vernetzte sich auf der Lernplattform mit Anita Hoehle. Überzeugt davon, dass der europäische Austausch über die Geschichte ab 1933 für beide Seiten gewinnbringend sein würde, starteten die beiden Kolleginnen ihr mittlerweile preisgekröntes Unterrichtsprojekt. „An meiner Schule haben wir bisher hauptsächlich fachspezifisch gearbeitet. Die gemeinsame Beschäftigung mit dem Thema Erinnerungskultur hat uns neue Horizonte eröffnet und interkulturelles Lernen und der Perspektivwechsel wurden auf diese Weise gestärkt“, erläutert Marina La Pietra.

Gemeinsam erinnern

„Hier wohnte die Würde, verletzt und getreten, ohne auch nur daran zu denken, menschlich zu sein“, steht auf einem Stolperstein aus Ton, den deutsche und italienische Jugendliche gemeinsam gestaltet haben und in ihrem virtuellen Museum präsentieren. In der Ausstellung zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus gewähren sie persönliche Einblicke in ihre Gefühlswelt, die sie in Gedichten und nachdenklichen Liedtexten ausdrücken. Sie zeugt aber auch von einer intensiven Auseinandersetzung mit Kriegen oder rassistischen Anschlägen der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit. „Sie waren entsetzt, dass solch unfassbare Gewalt geschehen konnte. Im virtuellen Klassenzimmer, dem TwinSpace, kamen sie in den internationalen Teams darüber ins Gespräch“, berichtet Anita Hoehle. Sie waren fassungslos darüber, „dass es unschuldige Menschen waren“, die rassistischen Ideologien zum Opfer fielen. Die erschreckende Erkenntnis, dass es jeden hätte treffen können, der nicht ins Bild passte, führte die deutschen und italienischen Jugendlichen zu existenziellen Fragen.

Beteiligte Schulen

Heinrich-Böll-Schule Hattersheim (Hessen) und ISIS „J.M. Keynes“, Gazzada Schianno (Italien).

Porträt mit farbigen grafischen Elementen.
Marina La Pietra unterrichtet Geschichte an der italienischen Partnerschule.

„Als Lehrerin fühle ich mich verpflichtet, vor Hass und Antisemitismus zu warnen.“

Brücke zur Gegenwart

Was bedeutet Identität? Was bleibt von mir? Solche tiefgreifenden Überlegungen wären im regulären Unterricht womöglich nicht ausführlich diskutiert worden, wurden für die beiden Lehrerinnen aber „zur Leitfrage“, erläutert Anita Hoehle. Geschickt schlugen die beiden Lehrerinnen eine Brücke zur Lebenswelt der „Digital Natives“: Was ist virtuelle Identität? Wie schütze ich meine persönlichen Daten? Die Jugendlichen lernten, Fake News von seriösen Nachrichten zu unterscheiden und sich kritisch mit Hetze und Propaganda auseinanderzusetzen. Dass sich Coronaleugner jenen gelben Stern anhefteten, mit dem die Nazis Jüdinnen und Juden stigmatisierten, erlebten die jungen eTwinner als unerträgliche Provokation. „Sie haben verstanden, dass Geschichte etwas mit der Gegenwart zu tun hat“, bilanziert Anita Hoehle. Und Marina La Pietra ergänzt: „Deshalb fühle ich mich als Lehrerin verpflichtet, vor Hass und Antisemitismus zu warnen.“

Das hat auch die Jury des Deutschen Lehrkräftepreises beeindruckt: „Höchste Aktualität – im Spiegel der Geschichte“, lautet ihr Urteil. Im Herbst plant Anita Hoehle mit ihren Schülerinnen und Schülern eine Italien-Reise. Im neuen eTwinning-Projekt der beiden Lehrerinnen geht es um persönliche Schicksale von KZ-Häftlingen im Bemühen, den Opfern ihren Namen und ihre Würde zurückzugeben.

Mehr Informationen

Ihre Ergebnisse präsentieren die deutschen und italienischen Jugendlichen in einem virtuellen Museum.

Zum virtuellen Museum

Über den Deutschen Lehrkräftepreis

Der „Deutsche Lehrkräftepreis – Unterricht innovativ“ will die öffentliche Wertschätzung sowie das Image des Lehrberufs und der Arbeit der Schulleitungen steigern und Anstöße zur Verbesserung des Unterrichts an Schulen geben. Träger sind die Heraeus Bildungsstiftung und der Deutsche Philologenverband. Hier gibt es mehr Informationen zum Deutschen Lehrkräftepreis.