„Mein Sohn ist Europäer“
Neben Parlamenten, Kommissionen und Proklamationen sind es vor allem die Menschen, die Europa gestalten. Für Kurt Kister, lange Jahre Korrespondent und Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, zählt deshalb auch ein Programm wie Erasmus+ zu den europäischen Selbstverständlichkeiten.
Aus Überzeugung Europäer
Mein Sohn ist Europäer. Das ist ein Satz, auf den ich fast stolz bin, nicht nur weil ich meinen Sohn liebe. Michael ist jetzt 28. Er ist in München geboren, hat Abitur gemacht und dann in Tours, Paris, Bologna und München studiert. In Tours an der Loire war er im Erasmus-Semester, dort hat er seine Freundin, auch Erasmus, kennengelernt. Die beiden sind in einem grenzenlosen Europa aufgewachsen, sie haben Freunde und Freundinnen an vielen Plätzen auf dem alten Kontinent.
Ich bin auch Europäer. Als ich aber so alt war, wie mein Sohn heute ist, gab es an allen deutschen Grenzen Kontrollen, man musste den Pass vorzeigen, wenn man nach Frankreich oder Italien wollte. Jedes Land hatte seine eigene Währung, der Euro war eine Idee, aber in weiter Ferne. Deutschland war geteilt, und es war einfacher, nach Buenos Aires zu reisen, als nach Dresden. Zwischen der Bundesrepublik und der DDR war die Grenze durch Mauern, Stacheldraht und Minen »gesichert«. Europa gab es als geografischen Begriff und als Hoffnung, dass es mal anders werden könnte, dass junge Dresdner zum Schüleraustausch nach Marseille gehen könnten, dass Europa nicht nur Hoffnung, sondern Heimat werden könnte. Ich war damals ein Hoffnungseuropäer, auch weil es angesichts der deutschen Vergangenheit manchmal schwer fiel, ein Deutscher zu sein. Jetzt bin ich, trotz aller aktuellen politischen Probleme, ein Überzeugungseuropäer.
Mein Vater war, als er so alt war, wie sein Enkel jetzt ist, kein Europäer, sondern nur Deutscher. Er ist 1925 geboren, und war seit 1943 Soldat im Zweiten Weltkrieg. 1944 schoss er bei Metz in Frankreich auf Franzosen und Amerikaner. Mein Großvater, kämpfte 1916 bei Verdun gegen die Franzosen. Sein Großonkel tat das 1870 im deutsch-französischen Krieg. Für sie alle bedeutete Europa nicht mehr als eine Ansammlung von Staaten, die in regelmäßigen Abständen gegeneinander Krieg führten. Besonders deutlich war das zwischen Frankreich und Deutschland.
Kontinent des Friedens
Europa war bis zur Hälfte des vergangenen Jahrhunderts kein Kontinent des Friedens, sondern ein Kontinent der Konkurrenz, des Streits und auch des Krieges. Das hat sich in den Jahrzehnten danach so sehr und so positiv geändert, dass man vielleicht zum ersten Mal von einer Heimat Europa sprechen kann. Innerhalb der Europäischen Union können die Menschen dort leben, in die Schule oder zur Uni gehen, arbeiten, Ferien machen oder ein paar Monate bleiben, wie es ihnen gefällt. Die meisten derer, die ins »Ausland« ziehen, werden ihrem Geburtsland oder der Region, aus der sie kommen, verbunden bleiben. Aber es spricht nichts mehr dagegen, dass man in Speyer zuhause war und in Cordoba oder Siena daheim ist. Geografisch ist Europa nicht größer geworden, gefühlsmäßig schon.
Übrigens: Gerade weil sich in Europa so viel Gutes getan hat, ist es so furchtbar, dass Russland im Februar 2022 die Ukraine überfallen hat. Dieser Krieg hat zurückgebracht, was viele in Europa überwunden glaubten. Auch deswegen ist es so wichtig, dass Europa, dass die EU der Ukraine helfen. Es ist noch wichtiger geworden, weil die USA unter ihrem Präsidenten Donald Trump sich von Europa – und von der Ukraine – abwenden. Europa allerdings steht nicht »allein«, denn es besteht, wenn man die Mitgliedschaft im Europarat zugrunde legt, aus 46 Staaten, 27 von ihnen gehören zur EU. Dieses Europa kann gemeinsam viel erreichen – vor allem, wenn es in wichtigen Fragen einig ist und handelt.
Klar, in Europa ist nicht alles Sonnenschein. Schon in der EU haben Staaten miteinander zu tun, die sehr unterschiedliche Interessen und Weltanschauungen vertreten. Ungarn zum Beispiel lehnt im Gegensatz zu Polen die Unterstützung der Ukraine eher ab. Über die Migration, die Zuwanderung aus Ländern außerhalb Europas, gibt es gegenwärtig heftige Meinungsunterschiede innerhalb der EU. Fast alle Länder wollen die sogenannte irreguläre Zuwanderung begrenzen, wollen Menschen, die ohne Papiere in die EU kommen, wieder zurückschicken. Solche Zurückweisungen an der Grenze bedeuten allerdings oft, dass der eine EU-Staat diese Migranten in den angrenzenden anderen EU-Staat »abschieben« will. Ein schwieriges politisches Problem, auch weil in etlichen Staaten Europas rechte Parteien, die nationale, oft nationalistische Standpunkte vertreten, an Zustimmung gewonnen haben.
Die Menschen machen Europa
Europa ist kein Bundesstaat, es hat keine Regierung, auch wenn die EU-Kommission manchmal an eine Regierung erinnert. In der jüngeren Geschichte sah es kurzfristig mal so aus, als könne sich Europa in Richtung eines immer enger werdenden Staatenbundes mit dem Ziel eines Bundesstaates entwickeln. Das war in den Neunzigerjahren, als nach dem Zusammenbruch des autoritären, staatlich organisierten Sozialismus mit der Sowjetunion an der Spitze die Hoffnung aufkeimte, der demokratische Rechtsstaat sei ein Modell für alle. Dem war nicht so, nicht nur, weil gerade in den jungen Demokratien der Kapitalismus, respektive dessen Auswüchse, vieles an sich riss und vieles zerstörte. Damals entstand die Oligarchenherrschaft, auf die sich heute zum Beispiel Wladimir Putin stützt. Und spätestens mit der Zeitenwende des 11. September 2001, den furchtbaren Attentaten von New York und Washington, wurde sehr klar, dass eben kein »Ende der Geschichte« erreicht worden war.
Europa ist nicht »einfach«. Wie sollte es auch »einfach« sein, wo es doch so viele Unterschiede vereint – historische, lebensweltliche, wirtschaftliche, politische, geografische, kulturelle? Aber genau das macht ja auch den Reiz Europas aus: Eine Großregion, die Vereinheitlichung leidenschaftlich ablehnt, in der aber die meisten Unterschiedlichen wissen, dass sie viel mit dem jeweils Anderen verbindet. Es ist dieses Gemeinsame, das so sehr dabei hilft, Franzosen, Portugiesen, Finnen, Slowaken, Deutsche oder Letten zu Europäern zu machen.
Erasmus+ als europäische Selbstverständlichkeit
Und dennoch: Mehr als das EU-Parlament, die EU-Kommission oder die Europäische Konvention für Menschenrechte sind es die europäischen Selbstverständlichkeiten, die Europa »machen«: der Schüleraustausch, das Erasmus-Programm, Interrail, Work and Travel beim übernächsten Nachbar. Es sind, und das ist keine Floskel, die Menschen, die Europa machen.
Vieles ist noch nicht so, wie es sein sollte. Aber wie großartig ist es zum Beispiel, dass sich zwischen Frankreich und Deutschland in den letzten Jahrzehnten so etwas wie eine Erbfreundschaft entwickelt hat. Mein Sohn, seine Kinder und wiederum deren Kinder – sie werden nicht mehr auf Franzosen schießen. Was für ein Fortschritt.