Erasmus+ Schule

Europäischer Austausch im Kindergarten

Pädagogische Fachkräfte aus Berlin besuchten Kindergärten in Schweden und Italien. Dabei lernten sie neue Ansätze für Inklusion und Medienpädagogik kennen.

Fortbildungen im Ausland – das bietet nicht jeder Kindergarten für sein Personal an. Die INA.KINDER.GARTEN gGmbH, ein Träger von 20 Kindertagesstätten in Berlin, hat dafür das EU-Programm Erasmus+ entdeckt. Die fachliche und persönliche Weiterentwicklung der etwa 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist im Leitbild der Organisation genauso verankert, wie die Offenheit für andere Kulturen und sprachliche Vielfalt. Wie könnte das besser umgesetzt werden, als durch europäischen Austausch?

Der Kindergartenträger schloss sich dafür mit zwei Vorschuleinrichtungen in Schweden (der „Salmereds Förskola“ in Härryda und der Kindertagesstätte „Förskola Nikolaigården“ in Stockholm) sowie einer bilingualen Privatschule mit integriertem Kindergarten in Spanien und einer vorschulischen Einrichtung in Italien zusammen. Unter dem Titel „From Majority to Everyone“ starteten die Einrichtungen 2018 ihr gemeinsames Projekt mit dem Ziel, sich gegenseitig Einblick in die jeweiligen Konzepte und Arbeitsweisen zu geben und dabei vor allem Inklusion in den Fokus zu stellen. Bei einem ersten Treffen und Kennenlernen in Berlin wurden Leitfragen erarbeitet, beispielweise: „Wie können gemeinsame Mahlzeiten dazu genutzt werden, Diversität und Gleichberechtigung zu schaffen?“, „Wie kann pädagogische Dokumentation ein Werkzeug für die Gleichstellung der Geschlechter sein?“ oder „Welche Chancenungleichheiten schaffen unterschiedliche Voraussetzungen für den Zugang zu Bildung?“

Foto von Annette Hautumm.
Annette Hautumm ist Leiterin für Qualität der INA.KINDER GARTEN gGmbH

„In Schweden fanden wir es besonders interessant, dass Tablets und Fotoapparate in den Händen aller Kinder selbstverständlicher Teil des Kita-Alltags waren.“

Tablets und Gebärdensprache im Kindergarten

"Wir haben drei einwöchige Besuche geplant - zuerst an der schwedischen Kita in Härryda, dann in Italien und schließlich an der spanischen Schule in Málaga“, erinnert sich Annette Hautumm, Leiterin für Qualität bei der INA.KINDER.GARTEN gGmbH. Die Erzieherinnen und Erzieher bereiteten vor jedem Besuch einen fachlichen Input sowie Fragen vor, hörten dann vor Ort einen wissenschaftlichen Vortrag und nahmen an einem Workshop teil, den die dortigen Kolleginnen und Kollegen jeweils selbst organsierten. Besonders spannend war es für die Gäste aus Berlin, in den Partnereinrichtungen zu hospitieren und so den Alltag dort direkt mitzuerleben.

„In Schweden hat uns sehr beeindruckt, wie selbstverständlich auch die kleinen Kinder elektronische Geräte benutzt haben. Bei einem Waldspaziergang etwa haben die Erzieherinnen den Kindern einfach Tablets gegeben, um damit Dinge zu filmen oder aufzunehmen, die sie spannend fanden – etwa den Sprung in eine Pfütze, ein Blatt oder einen kleinen Käfer“, erinnert sich Annette Hautumm. Die Fotos konnten die Kinder danach mit einer am Tablet angeschlossenen Lupe vergrößern und so beispielsweise sehen, wie eine Blattoberfläche aussieht. Für die Erzieherinnen und Erzieher werden dadurch auch die Entwicklungsschritte der Kinder leichter nachvollziehbar – wie etwa grobmotorische Fähigkeiten. Die digitale Dokumentation bietet gleichzeitig eine gute Grundlage, um mit den Eltern über den Entwicklungsstand ihrer Kinder zu sprechen und sie direkt mit einzubeziehen.

Eine zentrale Erkenntnis war für die Erzieherinnen und Erzieher aus Berlin, dass an der schwedischen Kindertageseinrichtung alle Kinder die Gebärdensprache lernen, unabhängig davon, ob sie hörbehindert sind oder nicht. „Wir haben uns daraufhin auch für unsere Kitas Bücher in Gebärdensprache gekauft und überlegt, wie wir die Gebärdensprache im Sinne der Mehrsprachigkeit stärker im pädagogischen Alltag verankern können – zum Beispiel als Teil der Begrüßung oder mit weiteren Materialien“, berichtet Felix Hartung, ein Kollege von Annette Hautumm Fachberater für sprachliche Bildung.

Auch beim Job Shadowing in Italien fiel den Erzieherinnen und Erziehern der selbstverständliche Einsatz digitaler Medien bei Kindern und Fachkräften auf. Sehr gut gefiel ihnen die durchdachte Ausstattung der Räume, die Integration und den Abbau von Vorurteilen fördern soll. So stellte die Einrichtung den Kindern beispielsweise viele Alltagsgegenstände und Naturmaterialien wie Holzschnitzel zur Verfügung, um damit das freie Spiel und die Fantasie anzuregen. Die italienischen Erzieherinnen und Erziehern überließen es auch bewusst den Kindern, welche Kleidung sie ihren Puppen anziehen möchten, um Gender-Stereotype zu vermeiden.

Kindergartenkinder untersuchen Pflanzen mit Tablets
Einsatz von Tablets im Kindergarten: Spannende Eindrücke sammelten die Erzieherinnen und Erzieher aus Berlin bei Hospitationen an den europäischen Partnereinrichtungen.

Digitaler Austausch und Akkreditierung

„Im März 2020 mussten wir leider das letzte Treffen in Spanien und den geplanten Abschluss in Stockholm absagen. Es herrschte für ein paar Monate Funkstille, weil wir alle mit der Bewältigung der neuen Situation sehr gefordert waren“, erinnert sich Annette Hautumm. „Aber im August haben wir eine neue Initiative gestartet. Wir waren uns einig, dass wir das Projekt gemeinsam abschließen wollten – auch wenn das nur noch online möglich war.“

Die spanischen Lehrkräfte vom Colegio Internacional Torrequebrada in Málaga drehten dafür sogar kleine Videoclips. Darin stellten sie ihre bilinguale Schule vor, die ein besonderes Konzept verfolgt: Kinder können dort schon ab einem Alter von zwei Jahren betreut werden und nach dem Kindergarten auch ihre gesamte Schulzeit bis zum Abitur an der Einrichtung durchlaufen.

„Wir mussten uns für die Onlinekonferenzen immer nachmittags treffen, nach unserem Arbeitstag – das war schon etwas anstrengend und einige Kolleginnen und Kollegen fanden es auch schwer, dann plötzlich wieder Englisch zu sprechen“, erinnert sich Annette Hautumm. „Aber trotzdem war es gut, dass man sich noch einmal sehen und austauschen konnte. Nach zwei Jahren Zusammenarbeit sollte man einen gemeinsamen Abschluss finden.“  

Wichtig war für den Kitaträger auch, dass die neuen Erkenntnisse und Ideen, die durch den Austausch gewonnen wurden, an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Kitas weitergegeben werden. So erschienen Berichte über das Projekt mit Erasmus+ in der Mitarbeiterzeitung, und bei einem trägerinternen Workshop gaben die Erzieherinnen und Erzieher, die an den Austauschtreffen beteiligt waren, ihre Eindrücke weiter.

„Eine Kollegin hat auch ihre Kindergruppe und deren Eltern sehr schön eingebunden. Sie hatte ein Stofftier auf der Reise dabei, das den Kindern täglich Fotos und Nachrichten aus dem Ausland geschickt und später von seinen Abenteuern erzählt hat“, berichtet Annette Hautumm.

Der Vergleich mit den anderen Einrichtungen brachte wertvolle Anregungen für die interne Diskussion zum Thema Medienpädagogik und Digitalisierung. So stand schnell fest, dass der europäische Austausch mit Erasmus+ weitergehen soll: „Wir haben als Träger beim PAD einen Antrag auf Akkreditierung im neuen Programm gestellt und uns sehr gefreut, als wir dann auch die Zusage bekommen haben.“ Als akkreditierte Einrichtung kann die INA.KINDER.GARTEN gGmbH nun bis 2027 regelmäßig Fortbildungen oder Job Shadowings im Ausland für alle ihre Erzieherinnen und Erzieher beantragen.

Gruppenfoto und Schriftzug "Malaga"
Pädagogische Fachkräfte aus Berlin besuchten Kindergärten im Ausland