EUROPIA – Was Jugendliche sich für Europa wünschen

Wenn ihr Traum wahr würde, wäre die europäische Zukunft friedlich, fair und nachhaltig. Am Marion-Dönhoff-Gymnasium in Hamburg suchten junge Leute nach Antworten, wie dies gelingen könnte.

Ein Mann steht mit dem Rücken zum Betrachter auf einer Felsspitze und blickt auf eine Berglandschaft, die in dicke Dunstschwaden gehüllt ist. Das Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich diente Schülerinnen und Schülern aus sechs Erasmus-Ländern als Vorlage für eigene Collagen. Darin präsentierten die Jugendlichen aus Deutschland, Frankreich, Portugal, Italien, Griechenland und Rumänien ihre Visionen von Europa. Menschen unterschiedlichen Glaubens lebten friedlich zusammen, Flüchtlinge wären willkommen, Frauen und Männer gleichberechtigt und die Städte wären grün.

Die Wunschwelt in Bildern war nur eine von vielen kreativen Aktivitäten zweier „Erasmus-Greenhorns“. Für Sven Hahn und Claire Schleweis vom Hamburger Marion-Dönhoff-Gymnasium war „EUROPIA“ eine Premiere. Doch für den Einstieg erst einmal mit ein oder zwei Partnerschulen zu kooperieren, kam für sie nicht in Frage. „Wir wünschten uns die Vielfalt verschiedener Schulen, deshalb haben wir es größer aufgezogen“, erläutert Sven Hahn die Entscheidung.

Qual der Wahl bei den Projektpartnern

Als sie 2018 über den TwinSpace auf der Plattform von eTwinning nach Mitstreitern suchten, erhielten die Hamburger Lehrkräfte ein gewaltiges Echo und hatten die Qual der Wahl unter mehr als 100 Interessenten. Sie entschieden sich für fünf Bildungseinrichtungen mit unterschiedlichen Profilen: Ein griechisches Gymnasium, eine konfessionelle Schule in Rumänien, ein italienisches Berufskolleg, einen Schulverbund in Portugal und ein französisches Lycée. Sie alle hatten bereits Erasmus-Erfahrung und halfen den beiden Neulingen aus Hamburg beim Organisieren. „Wir hatten bewusst Partner ausgewählt, von denen wir Unterstützung erwarten konnten“, sagt Sven Hahn. An seiner eigenen Schule konnte er seine Kollegin Claire Schleweis für „EUROPIA“ begeistern. Die 37-Jährige koordiniert dort den „normalen“ Schüleraustausch und war gleich begeistert von dem für sie neuen Ansatz der internationalen Zusammenarbeit: „Ich kannte Erasmus+ aus Uni-Zeiten, aber bis vor ein paar Jahren war mir nicht bewusst, dass sich das Programm auch an Schülergruppen und Lehrkräfte richtet“, berichtet sie.

Learning by doing

Auf den Plan, sechs Mobilitäten in sechs Ländern durchzuführen, hatten sich die beiden Hamburger Projektverantwortlichen schnell geeinigt. Im ersten Jahr wollten sie mit Kunst-, Theater- und Filmprojekten die Europafantasien der Schülerinnen und Schüler beflügeln, das zweite Jahr sollte unter dem Motto Nachhaltigkeit stehen. Bei den Details mussten sie immer wieder nachsteuern, berichtet Sven Hahn. „Es war ‚Learning by doing‘, vieles haben wir spontan entschieden“, erinnert er sich. So wurden aus den zwei geplanten Projektjahren aufgrund der Coronapandemie drei, und die beiden letzten Treffen in Italien und Portugal konnten nur online stattfinden.

Trotz aller Widrigkeiten verloren die Schülerinnen und Schüler aus den sechs Partnerländern ihre Vision von Europa nie aus dem Blick. Beim Auftakttreffen in Hamburg recherchierten sie im Auswandererhaus, welche Träume und welche Nöte Menschen dazu bewogen, ihre Heimat zu verlassen. In Kreta verarbeiteten sie den griechischen Mythos von der Gründung Europas in einem Theaterstück. In Rumänien erlebten sie, wie fest verwurzelt die Menschen dort in ihren Traditionen sind. Und beim „Flashmob“ in Frankreich tanzten 100 Erasmus-Jugendliche und ihre Lehrkräfte im Gleichklang.

Ein Traum wird wahr

Ob die Mädchen und Jungen ihrem Traum von einem vereinten Europa nähergekommen gekommen sind? Sven Hahn meint: „Sie haben ihre Kultur geteilt, vom ersten bis zum letzten Moment. Deshalb glaube ich, dass die Mobilitäten entscheidend zum Erfolg unseres Projektes beigetragen haben.“ Doch auch zwischen den Reisen und Onlinetreffen engagierten sich die Schülerinnen und Schüler für ihre Ziele. In ihrem „Manifest“ forderten sie von der europäischen Politik einen stärkeren Einsatz für Natur- und Klimaschutz. Aber sie wurden auch selbst aktiv und organisierten Nachhaltigkeitstage an ihren Schulen. Am „Vegan Day“ servierten sie Fleischfreies, trennten Müll am „Recycling Day“ und reduzierten am „Plastic Day“ ihren Kunststoffkonsum. Ihre vielfältigen gemeinsamen Aktivitäten dokumentierten die Erasmus-Partner in einem interaktiven eBook. Die Hamburger Gymnasiastin Amélie Fox schreibt im Vorwort: „Wir alle haben neue Freunde gefunden, die vielleicht meilenweit entfernt sind und doch durch einen gemeinsamen Traum sehr nah erscheinen.“ Dem Traum von „EUROPIA“.

Schwerpunkt: GreenErasmus und Nachhaltigkeit
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Begeisterung in die Klassen getragen

Claire Schleweis und Sven Hahn erinnern sich besonders gern an die Begeisterung eines Schülers nach seinem Rumänienaufenthalt. Er schwärmte: „Das war die schönste Reise meines Lebens.“

Wie haben Sie fachlich vom Austausch profitiert?
Claire Schleweis: Während meines Griechenlandaufenthaltes habe ich in meiner Freizeit am Unterricht teilgenommen. Die Unterschiede zu unserem Schulsystem zu erleben, fand ich sehr spannend und bereichernd.

Wie haben sich die engen persönlichen Kontakte zu den Projektpartnern bewährt?
Sven Hahn: Manche Länder, wie Frankreich oder Griechenland, kannten unsere Schülerinnen und Schüler bisher vor allem aus der touristischen Perspektive. Bei dem Erasmus-Austausch haben sie die Kultur nun viel intensiver kennengelernt. Sie wohnten in Gastfamilien und haben an deren Alltag teilgenommen. Dadurch sind intensive Freundschaften entstanden.

Wie fällt die Bilanz Ihres ersten Erasmus-Projekts aus?
Claire Schleweis: Ich glaube, dass wir unserem Ziel, ein europäisches Bewusstsein bei den Jugendlichen zu wecken, sehr nahegekommen sind. Weil sie ihre Begeisterung auch in die Klassen getragen haben, ist das Interesse an Erasmus+ an unserer Schule gewachsen. Ich finde, das ist ein schöner Erfolg.