„Erasmus+ für alle“
Erasmus+ soll weiterhin ein niedrigschwelliges Angebot sein, das möglichst vielen Menschen Austauscherfahrungen in Europa ermöglicht. Dafür setzt sich die Europaabgeordnete Nela Riehl ein. Als Vorsitzende des Ausschusses für Bildung und Kultur ist sie maßgeblich an den Verhandlungen über das neue Programm beteiligt.
Dass ich als 16-jährige Schülerin ein Jahr nach Schweden gehen konnte, war eine Mischung aus Zufall und Glück. Zufall, weil ich ursprünglich ganz woanders hinwollte. Und Glück, weil ich ein Stipendium für diesen Auslandsaufenthalt bekommen habe. Meine Eltern hätten sich das sonst nie leisten können. Es wurde ein fantastisches Jahr, das mich bis heute prägt: Ich habe nicht nur viele neue Menschen kennengelernt, sondern auch die Kultur und Sprache meines Gastlandes. Und ein völlig anderes Schulsystem, von dem Deutschland einiges lernen kann – für meine spätere Laufbahn als Lehrerin war das eine wertvolle Erkenntnis. Damals war ein Schüleraustausch über Erasmus+ noch nicht möglich, schon gar nicht für ein Jahr. Inzwischen geht das, auch wenn die meisten Schulen kürzere Programme anbieten. Junge Menschen in Europa haben heute viel mehr Möglichkeiten, ihre Auslandserfahrung gezielt und flexibel zu planen – ohne von Zufällen und Glück abhängig zu sein.
Erasmus+ ist vielleicht das europaweit bekannteste Programm der EU. Denn es hat das Leben von bislang 16 Millionen jungen Europäerinnen und Europäern entscheidend beeinflusst. Fast alle Studierenden kennen Erasmus+ als Synonym für den universitären Austausch und als echte Erfolgsgeschichte. Aber tatsächlich bietet Erasmus+ so viel mehr: Chancen für Menschen aller Altersgruppen – von der Kita bis zur Erwachsenenbildung. Das ist immer noch zu wenig bekannt. Gerade im schulischen Bereich gibt es viel Potenzial. Die Möglichkeiten sind da: Austausch für Schülerinnen und Schüler genauso wie für Lehrerinnen und Lehrer. Oder auch die Kooperation ganzer Bildungseinrichtungen über Ländergrenzen hinweg, sei es durch regelmäßige Begegnungen oder digitale Schulpartnerschaften und virtuelle Klassenzimmer. Wir sollten uns dafür einsetzen, dass auch diese Angebote bekannter werden. In meiner Zeit als Lehrerin war das Programm jedenfalls selten Thema an meiner Schule.
Austausch und Kooperation als »soft power«
Gerade in der Schule können wir über den Austausch die Werte vermitteln, die aus Kindern mündige Europäerinnen und Europäer formen: Demokratiebildung, Inklusion, Nachhaltigkeit und Vielfalt. Das sind die Werte, die uns gemeinsam ausmachen. Gerade in diesen Zeiten ist es unglaublich wichtig, sie hochzuhalten. In einer Welt, in der Autoritarismus und Populismus immer stärker werden, muss Europa dagegenhalten. Unsere Bildung, der kulturelle Austausch und unsere Kooperationsbereitschaft sind geopolitisch eine unserer wichtigsten »Soft Powers«. Und der Austausch über Erasmus+ steht dabei an erster Stelle. Wer offen gegenüber anderen ist, von den besten Beispielen lernt und sich auf Neues einlässt, ist hoffentlich später weniger anfällig für Abschottung und Nationalismus. Es muss oberste Priorität der EU-Bildungspolitik sein, das zu fördern.
Ich bin deshalb sehr froh, dass Erasmus+ auch im kommenden Haushalt der EU – für die Jahre ab 2028 – robust aufgestellt werde soll und zusätzliche Formate erhält. Dafür haben wir uns im Europäischen Parlament mit Nachdruck eingesetzt. Als Vorsitzende des Bildungsausschusses haben mich während der Verhandlungen viele E-Mails und sogar Briefe von Schülerinnen und Schülern erreicht, die mich gebeten haben, das Programm zu erhalten und zu stärken. Das hat mich sehr berührt und zusätzlich motiviert. Im künftigen EU-Haushalt spiegelt sich das wider. Erasmus+ wird dort erstmals als strategisches Werkzeug anerkannt, wenn es darum geht, Talent in der EU zu fördern und gut ausgebildete Menschen hier zu halten. Neu sind auch die Pläne für eine Europäische Schulallianz, die Austausch und Mobilität erhöhen soll. Damit bekommt das Programm einen neuen Stellenwert und wird hoffentlich noch attraktiver.
Erasmus+ darf kein Elitenprogramm sein
Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Wenn sich mehr Einrichtungen bewerben, erreicht Erasmus+ gerade im schulischen Bereich schnell seine Grenzen. Ich hätte mir deshalb gewünscht, dass Erasmus+ mit noch mehr EU-Mitteln ausgestattet wird. Im Vergleich zu anderen Programmen in Europa ist das Budget eher bescheiden – aber jeder einzelne investierte Euro kommt direkt bei den Teilnehmenden an. Das ist einzigartig und gerade für junge Menschen macht das einen gewaltigen Unterschied.
Ganz wichtig ist mir auch, dass Hemmschwellen und Barrieren abgebaut werden sollen. Erasmus+ ist kein Elitenprogramm, es ist ein Angebot für alle. Dafür werden im neuen Haushalt auch spezifische Fördermittel vorgesehen, die sich an Kinder aus einkommensschwachen Familien oder Regionen mit strukturellen Problemen richten. Schülerinnen und Schüler, Studierende und Erwachsene in der Weiterbildung müssen Erasmus+ als ein niedrigschwelliges Angebot wahrnehmen, das auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist – und nicht nur ein Projekt für diejenigen, die ohnehin schon privilegiert sind.
Wie einzigartig unser europäischer Bildungsaustausch ist, habe ich als Schülerin, Lehrerin und als Bildungspolitikerin immer wieder erlebt. Diese Erfahrungen will ich weitergeben, politisch und auch ganz persönlich. Meine eigenen Kinder kommen bald in das Alter, in dem sie an Austauschprogrammen teilnehmen können. Ich werde sie ermutigen, diesen Schritt zu wagen, über den Tellerrand zu schauen und Europas Chancen zu nutzen.