Aus Grau wird Grün
Auf vielen Schulhöfen herrscht graue Ödnis. An der Esther Bejarano Schule in Hamburg schufen die Jugendliche stattdessen einen grünen Wohlfühlort. Impulse dazu erhielten sie von ihrer Erasmus+ Partnerschule in Slowenien.
Wo einst die Kletterspinne ihr trauriges Dasein fristete, grünt und blüht es jetzt. Nur der Name des Spielgeräts erinnerte seinerzeit an das vielbeinige Insekt, ansonsten aber kreuchte und fleuchte hier kaum etwas. Die Spinne musste weichen, zusammen mit dem Sandkasten und manch anderer Schulhofschrecklichkeit.
An ihrer Stelle gedeiht heute eine Pflanzenvielfalt, darunter so wohlklingende Gewächse wie wolliges Honiggras, Tüpfel-Hartheu und Lanzett-Kreuzdistel. Sven Sievers, Biolehrer und Sonderpädagoge, kennt sie alle, denn er hat das Renaturierungsprojekt an der Stadtteilschule in Hamburg-Bahrenfeld 2023 ins Leben gerufen, im Rahmen einer Profilklasse.
Das Angebot ermöglicht Schülerinnen und Schülern der achten bis zehnten Jahrgangsstufe, ihre Interessen zu vertiefen, beispielsweise in Kunst oder Sport - und es gibt ihnen mit Erasmus+ die Möglichkeit, europäischen Austausch zu erleben.
„In ganz Europa stehen wir vor ähnlichen Problemen. Deshalb wollten wir uns gegenseitig bei der Renaturierung unterstützen.“
Renaturierung des Schulgeländes
Im Vergleich dazu war das Projekt „Ökologie in der Stadt – Umwelt selbst gestalten” ein ganz anderer Schnack, wie man in Hamburg zu sagen pflegt. Rund 500 Quadratmeter des weitläufigen Schulgeländes sollten neu bepflanzt werden, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass der Klimawandel sich auch in Großstädte bemerkbar macht. Als gelernter Gärtner und Forstwirt war Sven Sievers dafür bestens gerüstet, doch die Jugendlichen kamen an ihre Grenzen: „Die Kletterspinne war mit daumendicken Nägeln verbunden, uralte Rosenstöcke tief verwurzelt. Sie brauchten also viel Kraft und Durchhaltevermögen beim Ausbuddeln und haben dabei gelernt, wie wichtig Teamarbeit ist."
Eine Herausforderung, auch angesichts unterschiedlicher Persönlichkeiten, Fähigkeiten und Nationalitäten. Bewusst hatte Sven Sievers Schülerinnen und Schüler mit geringeren Chancen einbezogen. „So vielfältig wie das Ökosystem war auch unsere Klassengemeinschaft”, erläutert er. Die meisten kannten sich im Hamburger Großstadtdschungel besser aus als in der Natur. Bei Wind und Wetter im Freien zu arbeiten und auszuprobieren, ob besser Schaufel oder Spaten zum Einsatz kommen, war fordernd. Doch Sven Sievers schaffte es, zusammen mit seinem Kollegen Fabian Havers und der Sozialpädagogin Nora Göller, die Jugendlichen zu begeistern. Sie trafen sich wöchentlich, dokumentierten die Flora und Fauna, kneteten Geländemodelle aus Salzteig, lernten insektenfreundliche Gewächse und deren bevorzugte Standorte kennen, gruben und pflanzten.
Gemeinsam gegen Klimawandel
Auch 750 Kilometer Luftlinie von Hamburg entfernt, im Dorf Ribnica na Pohorju in den slowenischen Alpen, nahmen Schülerinnen und Schüler den Kampf gegen den Klimawandel auf. In der waldreichen Region haben steigende Temperaturen und Wasserknappheit ihre Spuren hinterlassen. Sven Sievers, der schon bei einem früheren Erasmus+ Projekt mit Slowenien kooperiert hatte, erkannte die Chance. „In ganz Europa stehen wir vor ähnlichen Problemen. Deshalb wollten wir uns gegenseitig bei der Renaturierung unterstützen”, sagt er. Im Juni 2023 reisten 25 Achtklässler, umweltfreundlich mit der Bahn, nach Ribnica.
Als selbsternannte „Plant Pirates”, Pflanzenpiraten, kaperten sie mit ihren Gastgebern den Wald – in bester Absicht. Weil die Fichten durch Trockenheit und Schädlinge wie den Borkenkäfer stark dezimiert sind, setzten die Jugendlichen zunächst 30 junge Lärchen, Weißtannen, Eichen und Buchen, die mit ihren tiefen Wurzeln der Hitze besser trotzen können. Die Hamburgerin Jasmina, heute 16 Jahre alt, war hochmotiviert: „Ich interessiere mich für Umweltschutz und wollte mithelfen, meinen ökologischen Fußabdruck ein bisschen zu verwischen.”
Über die Renaturierung in den unterschiedlichen Klimazonen hatten sich die Projektpartner zuvor bei Videoschalten ausgetauscht. Beim Kennenlernen in Ribnica dauerte es deshalb nicht lange, bis das Eis gebrochen war. „Das ist genau im Sinne von Europa und Erasmus – zu erleben, wie ähnlich wir uns sind”, meint Sven Sievers. Nach der zweiten Slowenienreise im März 2024 zogen die Pflanzenpiraten eine ermutigende Bilanz: Über 100 Bäume waren mithilfe einer Patenschaftsaktion finanziert worden, bei der zehn Euro in zwei Setzlinge investiert werden konnten, je einen für Ribnica und Hamburg.
Urban Gardening als Profilklasse
Auch an der Esther Bejarano Schule ist der Erfolg sichtbar: Ein Wasserlauf kühlt im Sommer, eine Gartenbaufirma hat schattenspendende Gehölze gepflanzt und jede neue 5. Klasse erhält zur Begrüßung zwei eigene Bäume. Auf einem mit QR-Codes gespickten Naturlehrpfad hat die Profilkasse lehrreiche Infos zusammengestellt. Der Respekt gegenüber der Natur führt dazu, dass kaum jemand mehr achtlos Müll auf das renaturierte Terrain wirft. Dort tummeln sich statt der anfangs 68 Pflanzen- und Tierarten nun über 200, darunter Eichelhäher und Buntspecht sowie mehrere Wildbienenarten. Selbst das streng geschützte Kleine Mausohr stattet dem selbst gezimmerten Fledermauskasten einen Besuch ab.
Auch die Jugendlichen mit dem grünen Daumen sind durch das Projekt aufgeblüht. Wurden sie anfangs noch als Ökofreaks verspottet, genießen sie jetzt Anerkennung. Die 17-jährige Sophia bringt es auf den Punkt: „Auch wenn es nicht immer einfach war, ich fand’s cool!" Und das hat sich herumgesprochen: Die neue Profilklasse zum Thema „Urban Gardening” ist bereits ausgebucht.